Die wichtigsten und aktuellsten Verführungen der Kirche

Wolfgang Bühne

 

Ich möchte mit Gottes Hilfe in meinen drei Vorträgen versuchen, auf die aktuellsten religiösen Verführungen hinzuweisen, welche die Gemeinde Gottes in unserer Zeit bedrohen. Ich werde versuchen die Zielrichtung, die wichtigsten Inhalte und Auswirkungen dieser Strategie Satans deutlich zu machen.

 

Wir wissen aus dem AT und NT, dass der Feind Gottes dem Volk Gottes zu allen Zeiten vor allem durch Vermischung göttlicher und heidnischer Lehren und Praktiken geschadet hat. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Satan nicht als brüllender Löwe aufgetreten, sondern er und seine Helfer haben die Tarnkappe der „Listigen Schlange“ und vor allem die des „Engels des Lichtes“ (2. Kor. 11,14) angezogen.

Daher ist im NT an vielen Stellen die Rede von:

-         „falschen Brüdern“ (Gal. 2,4)

-          von „falschen Aposteln“ (2. Kor. 11,13)

-          „falschen Propheten“ (Matth. 24,11)

-         von einem „falschen Christus“ (Matth. 24,24)

-         und von einem verfälschten oder „anderem Evangelium“ (Gal. 1,6).

 

Im AT haben wir viele Begebenheiten, die diese Gefahr und Strategie Satans sehr eindrücklich illustrieren. Dabei denke ich besonders an folgende Ereignisse:

-         Die List der Gibeoniter

-         Der Rat Bileams

-         Die Taktik der Feinde beim Tempelbau im Buch Esra

-         Die Taktik der Feinde beim Mauerbau im Buch Nehemia

 

In all diesen Beispielen geht es um den Versuch der Vermischung unter religiösen Vorzeichen.

Ich erinnere daran, dass der Herr Jesus seine „Endzeitrede“ in Matth. 24 mit den Worten beginnt: „Sehet zu, dass euch niemand verführe...“ und auch der Apostel Paulus warnt in seiner Abschiedsrede vor den Ältesten der Gemeinde Ephesus vor „verderblichen Wölfen“, die von außen in die Gemeinde eindringen, aber auch vor solchen, die aus der Mitte der Gemeinde auftreten, „verkehrte Dinge“ reden, um die Jünger „hinter sich her abzuziehen“ (Ap. 20,29-30).

Nun hat aber Gott in der Schöpfung, in der Gesetzgebung und auch im NT Prinzipien deutlich gemacht, die sonnenklar sind. Wenn diese Prinzipien unser persönliches Leben und auch unser Gemeindeleben prägen würden, gäbe es viele Missstände und Fehlentwicklungen nicht, die wir heute erkennen und beklagen müssen.

Auch hier aus der Fülle der Bibelstellen nur einige wenige:

  1. Mose 1,4: „Und Gott schied das Licht von der Finsternis (Die erste Tat Gottes)
  2. 5. Mose 21,10: „Du sollst nicht pflügen mit einem Rind und Esel zusammen“ (Ein Hinweis auf Prinzipien der Zusammenarbeit)- 2. Kor. 6,14-16: „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen...welche Gemeinschaft hat Licht mit Finsternis...ein Gläubiger mit Ungläubigen...der Tempel Gottes mit Götzenbildern.“

Wir finden also in der Bibel eindeutige Kategorien:

Licht – Finsternis
rein - unrein
gläubig - ungläubig
Gottesdienst – Götzendienst

In Deutschland pflegt man während einer kirchlichen Trauung dem Brautpaar nach dem Eheversprechen zu sagen: „Was Gott zusammengefügt hat – das soll der Mensch nicht scheiden!“

Umgekehrt müsste man heute jedem jungen Christen nach seiner Bekehrung einschärfen: „Was Gott getrennt hat – das soll der Mensch nicht vereinigen!“

Nach dieser Einleitung möchte ich nun drei Bewegungen vorstellen, in welchen die religiöse Verführungstaktik des Teufels besonders deutlich wird:

  1. Die Ökumenische Bewegung
  2. Die Pfingst- und Charismatische Bewegung
  3. Die Neo-Evangelikale Bewegung

 

Es ist sicher so, dass die Ökumene eine Strömung ist, die in unseren Versammlungen klar als eine Gefahr gesehen wird und daher wenig oder nur indirekt eine wirkliche Versuchung darstellt. Daher werde ich auch nur kurz darauf eingehen.

Anders ist es mit der Pfingst- und Charismatschen Bewegung, die in den letzten Jahren teilweise Einfluss auch auf Teile der Brüderbewegung hatte. Die Neo-Evangelikale Bewegung scheint uns sehr nahe zu stehen und stellt sich durch ihr evangelistisch-missionarisches Anliegen als eine Strömung dar, die zur Belebung der Gemeinden dient und daher sehr schwer als eine akute Gefahr für unsere Gemeinden erkannt wird. Deswegen möchte ich auch auf die beiden letzten Bewegungen ausführlicher eingehen.

 

Die Ökumene  (der „Ökumenische Rat der Kirchen“ oder „Weltkirchenrat“)

In der Geschichte der Ökumene kann man drei Phasen erkennen:

1. Die „christliche“ Ökumene
mit der Botschaft „Christen aller Welt – vereinigt euch!“

Die Wuzeln dieser Bewegung liegen in der Weltmissionskonferenz in Edinburgh am 14.6.1910, wo etwa 1.300 Delegierte von ca. 160 Missionsgesellschaften zusammen kamen. Ursache war, dass man weltweit beobachtete, dass die verschiedenen christlichen Denominationen sich gegenseitig bekämpften und besonders auf den Missionsfeldern die Missionsgesellschaften oft im Streit lagen.

Das Motto dieser Konferenz lautete: „Weltevangelisation in dieser Generation“ und die Schlüsselfigur damals war der bekannte Evangelist John Mott (1865-1955), der sowohl im CVJM (YMCA) wie in der christlichen Studentenbewegung prägend wirkte.

Die Anfänge dieser ökumenischen Bewegung gehen also auf Brüder zurück, welche unter der Zerstrittenheit der Gemeinden und Missionen litten und darin eine großes Hindernis für die Evangelisation sahen.

In Folge dieser Konferenz kam es zur Gründung von drei Gremien:

-         Der „Internationale Missionsrat“

-         Die „Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung“

-         Die „Weltweite Konferenz für praktisches Christentum“

Damals wurde das Bekenntnis geprägt und ausgesprochen:

„Dogmen trennen – Dienst eint!“

Ein Autor schreibt über die Anfänge dieser Bewegung: „Der Weltkirchenrat wurde von wohlmeinenden, aber naiven Christen ins Leben gerufen.“ (A. Morrison)

 

1948 kam es zur Vereinigung der „Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung“ und der „Weltweiten Konferenz für praktische Christentum“. Dieses Jahr gilt allgemein als die Geburtsstunde des ÖRK (Ökumenischer Rat der Kirchen, oder auch „Weltkirchenrat“).

Vizepräsident des Weltkirchenrates wurde John Mott und die gemeinsame Basis der Mitgliedskirchen lautete:

„Der ÖRK ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die unseren Herrn Jesus Christus als Gott und Heiland anerkennen.“

 

In den 60er Jahren wurde die Ökumene sehr stark von der „Befreiungstheologie“ geprägt, in welcher man die Verbesserung der Welt durch revolutionäre Politik unterstützte und durch das „soziale Evangelium“.

Die Folge war, dass die Ökumene immer stärker politisch aktiv wurde und die Begriffe „Evangelisation“ und „Mission“ neu definiert und gefüllt wurden. Die anfänglich gut gemeinten aber naiven Versuche, das Evangelium in die Welt zu bringen, führten dazu, dass die Welt in die Kirche gebracht wurde und besonders in den protestantischen Kirchen eine deutliche Politisierung zu erkennen war.

 

1961 wurde die 3. Vollversammlung des ÖRK in Neu-Dehli einberufen, wo die bisher 198 Mitgliedskirchen weitere 23 neue Kirchen aufnahmen, darunter einige Pfingstkirchen, die orthodoxe Kirche Russlands, Polens usw.

Auf dieser Vollversammlung kam es dann auch zu dem „Proselytenbeschluss“, das bedeutet das Verbot von Mission an Gliedern anderer Kirchen.

 

2. Die „abrahamitische Ökumene“

Mit dieser Bezeichnung beabsichtigte man zunächst die Annäherung und Vereinigung aller Religionen, die auf Abraham zurückgehen und meinte damit das Christentum, das Judentum und den Islam. Später wurde die Vereinigung auch aller anderen Religionen angestrebt, wie es im Logo des „Weltfriedensgipfel der Religionen“ im August 2000 in New York  deutlich wurde, wo um das Logo der UN die Symbole der verschiedenen Religionen zu sehen sind.

 

Diese 2. Phase der Ökumene  steht unter dem Motto „Religionen der Welt – vereinigt euch!“ und so wurde bald zum „universalen Dialog“ aufgefordert. Auf der 5. Vollversammlung des ÖRK 1975 in Nairobi wurden dann auch Referate von Vertretern nichtchristlicher Religionen (Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Sikhs usw.) gehalten.

 

3. Die „adamitische Ökumene“

Die dritte Phase der ökumenischen Entwicklung steht unter dem Motto: „Menschen der Welt – vereinigt euch!“

Hier wird deutlich, dass nicht nur ein Synkretismus, sondern ein Universalismus, die „Bruderschaft aller Menschen“ oder die „Einheit aller Schöpfung“ Ziel der Ökumene ist.

1975 beteiligte sich die UNO zum ersten Mal an der Förderung der interreligiösen Aktivitäten mit einem „Spirituellen Gipfeltreffen“ in New York, wo Vertreter der großen 5 Weltreligionen sprachen, wobei „Mutter Theresa“ das Christentum vertrat.

In der Presseerklärung erklärte ein Sufi-Führer:
“Die politischen Führer fühlen sich irgendwie bankrott und verzweifelt und haben die Notwendigkeit für spirituelle Einheit erkannt.“

„Ohne Religionsfrieden keinen Weltfrieden“ (Hans Küng)

 

Am 31.8.2000 kamen über 1.000 führende Vertreter von rund 70 Religionen zu dem Beschluss, einen „Beirat für den Weltfrieden“ zu bilden, der dem Büro von UN-Generalsekretär Anan angegliedert werden soll.

In der Schlusserklärung wurde gefordert:

-         Alle Religionen müssen gleich behandelt werden

-         Die Gleichberechtigung von Mann und Frau in allen Lebensbereichen wurde gefordert

-         Alle Gewalt im Namen der Religion muss abgelehnt werden.

 

Die Tochter von Billy Graham, Anne Lotz Graham, sprach auch auf dieser Versammlung, die von dem Medienmogul Ted Turner initiiert wurde. Dieser wandte sich in einer Rede gegen die religiöse Intoleranz, die mit Applaus aufgenommen wurde, wie auch die buddhistische Forderung mit stehenden Ovationen begrüßt wurde, auf alle Bekehrungsversuche zu verzichten.

Die aktive Teilnahme von Anne Lotz Graham zeigt auch die immer stärker werdende Beziehung zwischen den Neo-Evangelikalen und dem ÖRK, die von Billy Graham schon etwa 1957 eingeleitet wurde.

Die „Neue Toleranz“, die von dem „Weltgipfel der Religionen“ und der UN gefordert wird, beinhaltet, dass es keine absolute Wahrheit gibt, dass alle Religionen gleichwertig sind und jede Art von Fundamentalismus intolerant ist und daher bekämpft werden muss (vgl. Josh McDowell: „Die neue Toleranz“)

Diese kurze Darstellung der Ökumene zeigt, dass durch Vermischung von Christentum, Heidentum und Politik die Ökumene zu einem System geworden ist, das viele Kennzeichen von „Babylon“ trägt und sich von einer ursprünglich evangelistischen zu einer antichristlichen Bewegung entwickelt hat. 

 

Fragen zum Thema:

  1. Ist die gemeinsame Basis des ÖRK „Jesus Christus als Gott und Heiland anerkennen“ ausreichend für eine geistliche Zusammenarbeit verschiedener Gemeinden?
  2. Welche Konsequenzen hat der „Proselytenbeschluß (Verbot von Mission an Gliedern anderer Kirchen)?
  3. Welche Wahrheiten des NT stehen im Gegensatz zu der vom ÖRK geforderten religiösen „Toleranz“?
  4. Was lernen wir für uns als Brüderbewegung aus der Entwicklung der ökumenischen Bewegung?

 

 

Kommen wir nun zu dem zweiten Thema:

„Die Pfingst- und Charismatische Bewegung“

Pfingstler und Charismatiker haben ihre eigene Bewegung in drei Epochen eingeteilt, die sie die „Die drei Wellen des Heiligen Geistes“ nennen. Damit meinen sie, dass sich der Heilige Geist angeblich zu drei Zeitpunkten besonders manifestiert und große Wellen, oder Bewegungen ausgelöst hat:

Zunächst eine kurze Übersicht, bevor ich etwas ausführlicher auf die „Drei Wellen“ eingehe.

 

1. Welle: Die Pfingstgemeinde (seit etwa 1900)

Diese Bewegung führte zur Gründung der verschiedenen Pfingstgemeinden mit etwa 268 Millionen Mitgliedern im Jahr 2000 (vgl. im Jahr 1990 ca. 193 Millionen). Dieses enorme Wachstum zeigt, dass die Pfingstgemeinden die am schnellsten wachsende christliche Denomination ist.

 

2. Welle: Die Charismatische Bewegung (seit etwa 1960)

Die Charismatische Bewegung hatte nicht das Ziel weltweit neue „charismatische Gemeinden“ zu gründen, sondern die bestehenden Kirchen mit den charismatischen Lehren und Praktiken zu durchdringen. Natürlich gibt es inzwischen auch charismatische Gemeinden, die aber nicht dem eigentlichen Anliegen der C.B. (= Charismatischen Bewegung) entsprechen.

Auch diese Bewegung hat sich schnell verbreitet. 1990 zählte man etwa 140 Millionen Charismatiker in den verschiedenen Kirchen. Im Jahr 2000 wuchs die Anzahl auf 222 Millionen Charismatiker, wovon sich nach eigenen Angaben etwa die Hälfte (ca. 110 Millionen) in der röm.-kath. Kirche befinden.

 

3. Welle: „Power Evangelism“ oder „Dritte Welle“ (seit etwa 1980)

Diese Welle hat wiederum eine andere Zielsetzung: Man möchte diejenigen Kirchen erreichen, die bisher von den ersten beiden Wellen nicht erfasst worden sind. Das sind die sog. „Fundamentalisten“ oder „konservativen Evangelikalen“, zu denen auch die Brüderversammlungen  gezählt werden.

C. Peter Wagner, der zu den „Vätern“ der „Dritten Welle“ gehört, äußerte einmal, dass Gott ihm durch fünf verschiedene Propheten gesagt habe:“ ...ich soll denen Gottes Macht verkündigen, die bisher keinerlei Erfahrung damit gemacht haben. Und ich soll diesen Dienst in einer nicht-pfingstlerischen und nicht-charismatischen Weise tun.“

Dieser Ausspruch zeigt, dass die „Dritte Welle“ verschiedene Gesichter hat und zumindest teilweise nicht auf den ersten Blick als eine charismatische Welle zu erkennen ist.

Im Jahr 2000 zählte man  weltweit ca. 65 Millionen Anhänger dieser Bewegung.

Auch diese Welle möchte nicht eigene Gemeinden gründen, sondern bestehende Gemeinden durchdringen.

Wenn die genannten Zahlen stimmen, dann gibt es weltweit über 500 Millionen Christen, die sich zu den pfingst- und charismatischen Gemeinden zählen. Das würde bedeuten, dass  etwa 25% aller sog. „Christen“ in diesen Bewegungen zu finden sind.

Kurz nun zu den wichtigsten Lehren und Praktiken dieser „Wellen“, die vieles gemeinsam haben, sich aber in einigen Punkten unterscheiden. Dabei muss  betont werden, dass es besonders in den ersten beiden Wellen eine große Bandbreite verschiedenster Gruppierungen gibt. Es geht bei dieser Übersicht über den großen Strom dieser Wellen, wobei auf „Nebenflüsse“ nicht eingegangen werden kann.

Ich setzte auch voraus, dass wir in der Lage sind, die unbiblischen Sonderlehren und Irrlehren dieser Gruppen biblisch zu wiederlegen. Daher werde ich aus Zeitgründen auf eine biblische Beurteilung dieser Lehren verzichten und hoffe, dass man sich in den Arbeitsgruppen darüber austauscht.

 

1. Die Pfingstbewegung

Die Pfingstbewegung entstand 1906 in Los Angeles, wo in einer kleinen Kirche unter der Leitung von W.J. Semour  Phänomene sich manifestierten und Lehren entwickelt wurden, die sich schnell weltweit verbreiteten und bis heute typisch für die Pfingstgemeinden sind.

Trotz aller Betonung von „Einheit“ sind die Pfingstgemeinden nicht einheitlich. Es gibt Hunderte von verschiedenen Gruppierungen, die sich durch Sondererkenntnisse, Offenbarungen, besondere Lehren und Praktiken teilweise sehr unterscheiden und teilweise auch gegenseitig bekämpfe. So gibt es z.B. einen großen Zweig in der P.B. (= Pfingst-Bewegung), der die Trinität Gottes leugnet.

In folgenden Auffassungen ist man sich jedoch weitgehend einig und das sind die typischen Betonungen der Pfingstgemeinden:

1.                  Die „Geistestaufe“ als „zweite Erfahrung“ nach der Bekehrung.

2.                  Das „Sprachenreden“ als Kennzeichen der „Geistestaufe“ und als besondere Gabe der Selbstauferbauung und Kraftquelle für den Dienst.

3.                  Die Betonung von Krankenheilung als „in der Erlösung inbegriffen“.

            Man lehrt, dass der Herr am Kreuz nicht nur für die Sünden gestorben ist, sondern  auch unsere Krankeiten mit ans Kreuz genommen hat und daher jeder Christ durch „Glauben“ Gesundheit beanspruchen kann, oder ein Recht auf Gesundheit hat.

Wenn ein Christ trotzdem krank wird, hat er:

Hier gibt es eine Menge von verschiedenen Auffassungen und Praktiken, die aber  nicht von allen  Pfingstlern vertreten werden.

4.      Offenheit für Visionen usw. als Quelle außerbiblischer Offenbarungen.

 

Das Wirken des „Heilgen Geistes“ wird in der P.B. oft körperlich, sichtbar wahrgenommen. Daher kommt es seit Beginn der Pfingstbewegung immer wieder zu folgenden Manifestationen:

Menschen fallen auf den Rücken („Ruhen im Geist“)

Sie beginnen zu zittern

Sie erleben Hitze- und Wärmeströme an ihrem Körper

Sie beginnen in unbekannten „Sprachen“ zu reden oder zu singen

Sie haben visuelle oder akustische Halluzinationen

Sie erleben „Engel-“ und „Jesus-Erscheinungen“

Sie beginnen zu „prophezeien“ usw.

Etwa 60 Jahre lang hatten die Pfingstler wenig oder keinen Kontakt zu den anderen evangelikalen Gemeinden, die sich von diesen Lehren und Praktiken deutlich distanziert hatten. Daher wurden diese Phänomene in der Vergangenheit fast ausschließlich in den Pfingstgemeinden praktiziert.

Positiv muss man erwähnen, dass die Pfingstgemeinden in vielen Ländern durch einen enormen evangelistischen Eifer auffallen und sich besonders der Randgruppen, der Asozialen, Drogensüchtigen, Alkoholikern usw. angenommen haben. Auch wenn man über die Art und Methode der Evangelisation verschiedener Meinung sein kann, muss man anerkennen, dass viele Menschen durch die Evangelisationen der Pfingstler zum lebendigen Glauben gekommen sind (siehe David Wilkerson usw.).

Weiter muss man anerkennen, dass die Pfingstler sich zur Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift bekennen und auch viele Jahrzehnte die röm.-kath. Kirche und die Ökumene abgelehnt haben. Das wurde allerdings mit dem Beginn der C.B. leider anders.

 

2. Die Charismatische Bewegung

Die C.B. begann im Jahr 1960 in USA mit der „Geistestaufe“ des anglikanischen Pfarrers Dennis Bennett in den USA. Weil Bennett mit dieser Erfahrung in die Öffentlichkeit ging und das Fernsehen seine „Gottesdienste“ mit „Sprachenreden“ übertrug, wurde zum ersten Mal ein Phänomen der Pfingstgemeinden einem großen Teil der protestantischen Kirchen vorgeführt und nahm nach und nach Einzug in diese Kirchen.

Im Jahr 1961 erlebt der Lutheraner Larry Christenson (USA) die Geistestaufe und sorgte dafür, dass die lutherischen Kirchen diese Lehren und Praktiken kennenlernten.

Weitere 6 Jahre später drang diese Bewegung auch in die röm.-kath. Kirche ein, als in Pittsburgh (USA) eine Anzahl kath. Studenten durch das Buch von David Wilkerson „Das Kreuz und die Messerhelden“ angeregt wurden, um die „Geistestaufe“ zu bitten und entsprechende Erfahrungen machten.

Die C.B. in der kath. Kirche hat sich im Laufe der Jahre sehr stark entwickelt, weil der Vatikan es verstanden hat, einflussreiche Bischöfe und Kardinäle in diese Bewegung zu bringen, die dafür sorgten, dass diese Bewegung sich im Rahmen der kath. Dogmen und Tradition entwickelte. Große internationale Konferenzen wurden im Lauf der Jahre oft im Petersdom abgehalten unter dem Segen des Papstes und „der Fürsprache Marias“.

Interessant ist, dass viele kath. Charismatiker bekennen, durch die „Geistestaufe“ eine innigere Beziehung zur Maria, zum Papst, zur Eucharistie usw. bekommen haben.

Auch der jetzige Prediger des Vatikan und Beichtvater des Papstes, der kath. Theologe R. Cantalamessa bezeichnet sich als Charismatiker und ist ein bekannter und beliebter Redner auf großen internationalen Konferenzen der C.B.

Andererseits ist es auch eine Tatsache, dass durch die C.B. in der kath. Kirche an manchen Orten eine Bibelbewegung begann, d.h. die Bibel unter Katholiken verbreitet und gelesen wurde und zahlreiche Hauskreise entstanden.

Zur gleichen Zeit  ( 1967) wurde auch die „Jesus-People-Bewegung“ bekannt (Chuck Smith, David Wilkerson usw.), in welcher die gleichen Entwicklungen stattfanden und die Lehren und Praktiken von Geistestaufe, Zungenreden, Krankenheilungen usw. in viele Freikirchen Eingang fanden.

 

Ein bekannter Slogan der C.B. lautet: „Wir sind der Sauerteig der Kirche!“

Damit meinen sie, dass sie als eine zunächst kleine Gruppe wie ein Sauerteig die ganze Masse der Christenheit durchdringen werden (vgl. 1. Kor. 5,6!).

Heute muss man sagen, dass die C.B. dieses Ziel weitgehend erreicht hat. Zumindest die großen Kirchen und Freikirchen sind von diesen Lehren und Praktiken der C.B. „durchsäuert“ worden, wobei uns klar ist, dass Sauerteig im AT und NT ein Bild von der sich ausbreitenden Kraft der Sünde ist.

In den Lehren unterscheidet sich die C.B. von der P.B. kaum. Allerdings sind einige neue Lehren und Praktiken hinzugekommen, die in der P.B. bisher kaum deutlich wurden. So vertritt eine bekannte Gruppe der Charismatiker (die „Glaubensbewegung“), dass Jesus am Kreuz nicht nur für unsere Sünden und Krankheiten, sondern auch für unsere Armut gestorben ist. Jeder Christ habe einen Anspruch auf Reichtum und Wohlstand. So predigt man ein sog. „Wohlstandsevangelium“. Besonders die Männer Kenneth Hagin, Kenneth Copeland, Benny Hinn usw. sind bekannter Prediger dieser völlig unbiblischen Lehre.

Nach ihrer Auffassung erkennt man einen „geisterfüllten“ Christen folgenden Kennzeichen:

Körperliche Gesundheit

Äußere Schönheit

Finanzieller Wohlstand

Geschäftlicher Erfolg

Sportlicher Erfolg

Langes Leben usw.

Teure Autos, kostbare Kleidung, Schmuck und Schminke, große Villen usw. sollen deutlich machen, dass der „Segen Abrahams“ auf die Christen übergegangen ist. „Segen“ wird also im Sinne des AT materiell verstanden, was im Gegensatz zu den „geistlichen Segnungen“ steht, wie sie uns im Brief an die Epheser und Kolosser vorgestellt werden. Eine weitere praktische Folge ist, dass der Blick immer mehr auf diese Erde und nicht auf den Himmel und die Wiederkunft des Herrn gerichtet wird.

Vertreter der sog. „Glaubensbewegung“ (K. Hagin usw..) verbreiten zu dem noch die gotteslästerliche Lehre vom „geistigen Tod in der Hölle“, wo die eigentliche Stellvertretung  stattgefunden haben soll, als „Jesus von Dämonen in die Hölle geschleppt wurde, dort ein dämonische Wesen wurde, die Natur Satans angenommen hat, uns vom Satan freigekauft hat, damit wir eine göttliche Natur bekommen können.“ Diese Irrlehre (auch „Identifikationslehre“ genannt) wird mit 2. Kor. 5,21 begründet. Sie wird allerdings auch von einigen bekannten Charismatikern deutlich verurteilt.

Im Unterschied zu den Pfingstlern können vereinzelt auch liberale Theologen, die nicht an die wörtliche Inspiration glauben, in der C.B. mitarbeiten.

 

Die Charismatiker – wie auch die Pfingstler – rechnen mit einer großen Erweckung vor der Wiederkunft Jesu, in welcher „der heilige Geist auf alles Fleisch ausgegossen wird“ (Joel 2 oder 3 – je nach Übersetzung). Sie sind der Überzeugung, dass diese Erweckung erst dann stattfinden kann, wenn die Christen einig sind und die trennenden Mauern zwischen den Denominationen abgerissen sind. Daher wird sehr oft Joh. 17,11 und 20 zitiert oder in vielen Liedern besungen.

„Einheit um jeden Preis“ ist das große Ziel der C.B.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben sie folgenden Slogan gepägt, der typisch für die C.B. ist: „Dogmen trennen – Liebe eint!“

In den Lehren und Dogmen der verschiedenen Kirchen sieht man nur Gründe für Meinungsverschiedenheiten und Streit. Daher legt man in der C.B. nicht so sehr Wert auf Bibelauslegung und Bibelstudium, sondern auf Erfahrung, Gefühl und Atmosphäre. Daher ist die seelische Stimulierung ein wichtiges Element in charismatischen Gemeinden und Konferenzen:

Man legt großen Wert auf:

-         Musik, Gesang

-         Tanz, Körperkontakt

-         Begeisterung, Klatschen, Jubeln, Banner- und Fahnenschwingen usw.

In der C.B. gibt es viele begabte Musiker, „Anbetungsleiter“ werden geschult und jede Art von Kreativität wird gefördert.

Weil die Charismatischen Gemeinden auf den ersten Blick Begeisterung, Wärme, Hingabe, Freude und Spontanität ausstrahlen, haben sie eine große Anziehungskraft auf junge Christen, die noch kein Unterscheidungsvermögen haben und oft aus Gemeinden kommen, die von Tradition, Trägheit, Langeweile und Kälte gekennzeichnet sind.

Daher ist die C.B. auch eine Herausforderung für die Brüderversammlungen, die besonders in Westeuropa und in den USA viele junge Geschwister verloren haben, die sich der C.B. angeschlossen haben.

Folgende international bekannte Gruppen und Missionswerke haben das Anliegen der C.B. sehr unterstützt und bekannt gemacht:

-         „Jugend mit einer Mission“ (Lieder, Musik, Tanz, Pantomime usw.)

-         „Campus für Christus“

-         „AD 2000“

 

Auch bekannte evangelikale Missionswerke arbeiten aktiv mit Charismatikern zusammen:

 

-         „Operation Mobilisation“ (George Verwer)

-         „Campus für Christus“

-         „Weltweite Evangelische Allianz“

-         „Billy Graham Organisation“

-         “Lausanner Bewegung”

-         “Willow Creek” usw.

 

3. Die „Dritte Welle“ oder „Power Evangelisation“

Die Väter dieser Bewegung sind C.Peter Wagner und John Wimber. C.P. Wagner war ein evangelikaler Missionar in Bolivien, der sich früher als „Dispensationalist“ und „Anti-Charismatiker“ bezeichnete. Er befasste sich später mit dem Gemeinde-Wachstum der Pfingstgemeinden, schrieb dazu einige Bücher und wurde Professor am Fuller-Theological-Seminary, wo er Kurse über „Zeichen und Wunder“ usw. durchführte. Er gilt als Vordenker der „Dritten Welle“.

John Wimber war vor seiner Bekehrung Rockmusiker, kam dann bei den Quäkern zur Bekehrung, lernte C.P. Wagner kennen und war bald in der Lage durch übernatürliche Fähigkeiten „Zeichen und Wunder“ zu demonstrieren. John Wimber war bis zu seinem Tod der Praktiker der „Dritten Welle“. Er hat weltweit auf seinen Konferenzen etwa 500.000 Pastoren und Mitarbeiter geschult und die „Vineyard Christian Fellowship“ gegründet.

 

Unter „Power Evangelism“ versteht man, dass auch in unserer Zeit jede Verkündigung wie in den Zeiten Jesu und der Apostel von Zeichen und Wundern begeleitet sein soll.

So behaupten Wagner und Wimber:

„Zeichen und Wunder sind die Visitenkarten des Reiches Gottes“

„Selten wurde Gemeindewachsrum allein durch Verkündigung erreicht“.

 

Man glaubt, dass durch Zeichen und Wunder die Vorurteile der Ungläubigen überwunden werden und viele zum Glauben kommen.

Man glaubt und lehrt, dass alle Wunder Jesu und der Apostel auch in unserer Zeit möglich sind und das wir heute Zeugen der größten Erweckung der Kirchengeschichte sind, in welcher noch größere Wunder wie in der Apostelgeschichte geschehen.

Man spricht von Aposteln, die in unserer Zeit wieder eingesetzt werden („Der fünffache Dienst“ nach Eph. 4) und die mit der Autorität der Apostel Wunder wirken.

Kennzeichen dieser „Erweckung“:

 

-         „Jesus-Erscheinungen“

-         „Engel-Erscheinungen“

-         Amputierte Beine und Arme werden nachwachsen

-         Die „Apostel“ werden mit einer Handbewegung nukleare Schäden und verseuchte Gebiete heilen

-         Tote werden auferweckt

-         Ganze Städte und Nationen werden zum Glauben kommen usw.

 

Die Lehren der P.B. und der C.B. werden allgemein vertreten und man versteht sich als Weiterentwicklung oder Höhepunkt der vorigen „Wellen“, wobei es auch kleine Unterschiede gibt:

-         In der 3. Welle wird Sprachenrede nicht als unbedingtes Kennzeichen der Geistestaufe bezeichnet, sondern als eine Geistesgabe unter vielen anderen.

-         In der 3. Welle wird Bibelstudium und Gebet teilweise sehr betont – daher auch eine größere Nähe zu den „Fundamentalisten“.

 

Zu den Phänomenen, die uns schon aus der P.B. und C.B. bekannt sind, kommen noch folgende Phänomene hinzu, die in den vorigen Wellen nur wenig oder gar nicht praktiziert wurden:

 

-         Dämonenaustreibung bei Gläubigen (Befreiungsdienst)

-         Geistliche Kampfführung („territoriale Dämonen binden“)

-         Heiliges Lachen

-         Trunkenheit im Geist

-         Kleben, Hüpfen. Schreien, Rennen im Geist

-         Gabenvermittlung durch Handauflegung

-         „Heiligen Geist“ weitergeben durch blasen, anhauchen usw.

-         Worte der Erkenntnis

-         Prophetie

-         Innere Heilung usw.

 

Innerhalb der „Dritten Welle entstand die:

-         „Prophetenbewegung“

-         „Geistliche Kampfführung“ (Jesus-Marsch, „Transformation“, Versöhnungsmärsche usw.)

-         Toronto-Segen

-         Pensacola-Erweckung

 

Besonders die von C.P. Wagner gegründete Bewegung “AD 2000” hat viele Evangelikale mit diesen Lehren und Praktiken bekannt gemacht, wobei auch Bill Bright mit seiner Organisation „Campus für Christus“ stark mitgeholfen hat.

Auch das bekannte Buch „Gebet für die Welt“ kommt aus dieser Bewegung.

 

In den letzten Jahren wurden weltweit große Gebetstreffen veranstaltet, wo vor allem die Leiter der verschiedenen Denominationen einer Stadt mit ihren Gemeinden sich zum gemeinsamen Gebet für die Stadt und für Erweckung beten sollen, wobei im Hintergrund die Lehren der „Geistlichen Kriegsführung“ eine Rolle spielen (das Erkennen und Binden von „terretorialen Dämonen“)

 

Auffallend ist in der 3. Welle eine große Symphatie für den Katholizismus und für den Papst.

John Wimber: „Der Papst ist ein toller Kerl, er ist ein echter wiedergeborener, evangelikaler Charismatiker“.

Rick Joyner: „Der Papst ist ein Ältester im Leib Christi mit der Gabe der Krankenheilung“.

Man glaubt, dass Gott in dieser Zeit nicht nur neue Apostel, sonder auch „Älteste für den gesamten Leib Christi“ gibt.

 

Erschreckend ist, dass in letzter Zeit  ausgerechnet international bekannte Führer und Lehrer der „Dispensationalisten“ und der Brüderbewegung sich den Lehren und Praktiken der 3. Welle geöffnet haben und teilweise große Verwirrung in die Brüderversammlungen bringen.

Abschließend möchte ich noch betonen, dass die „Drei Wellen“ nicht klar abzugrenzen sind. Viele bekannte Männer der 3. Welle sind zugleich Pfingstler und Charismatiker, die Bewegungen arbeiten meist miteinander oder gehen auch ineinander auf.

Auch muss noch einmal betont werden, dass es durchaus bekannte Pfingstler und Charismatiker gibt, die z.B. den „Toronto-Segen“ sehr kritisch gesehen haben, oder die „Geistliche Kampfführung“ und das „Wohlstandsevangelium“als unbiblisch verurteilen. Man muss lernen zu differenzieren.

Tatsache ist aber auch, dass diese Unterschiede Charismatiker nicht daran hindern, gemeinsam zu arbeiten. Es gab und gibt unzählige Trennungen in der C.B. (ein eigenartiger Wiederspruch zu ihrer Betonung von Einheit!). Diese Trennungen wurde aber selten durch Lehrsteitigkeiten als mehr durch persönliche Probleme (Machtstreben, Geld, Ehre usw.) ausgelöst. 

 

Fragen zum Thema:

  1. Was ist die neutestamentliche Bedeutung der „Geistestaufe“?
  2. Was ist nach 1. Kor. 14 der Sinn und Zweck des „Sprachenredens“?
  3. Haben wir als Christen einen biblischen Anspruch auf „Gesundheit“ und „Wohlstand“? An welchen Stellen im NT wird deutlich, dass Gesundheit und Wohlstand keine typischen Kennzeichen eines Nachfolgers Jesu sind?
  4. Inwieweit ist die Erwartung einer weltweiten Erweckung vor der Entrückung ein grundlegender und folgenschwerer Irrtum der C.B.?
  5. Gibt es heute noch Apostel und können wir Zeichen und Wunder wie in der Apostelgeschichte erwarten?
  6. Warum ist die C.B. für viele Christen anziehend und welche Mängel und Entwicklungen in den Brüderversammlungen machen die C.B. für viele Geschwister attraktiv?
  7. Wie könne  wir Geschwistern helfen, die von der C.B. angezogen werden, oder bereits unter dem Einfluss charismatischer Lehren stehen?

 

Die Neo-Evangelikale Bewegung

In der evangelikalen Bewegung müssen wir heute unterscheiden zwischen den sogenannten „Fundamentalisten“ und den Neo-Evangelikalen.

Unter „Fundamentalisten“ versteht man solche Evangelikale, die sich zur Unfehlbarkeit der Bibel bekennen und jede Zusammenarbeit mit liberalen Evangelikalen, charismatischen Evangelikalen und ökumenische eingestellten Evangelikalen ablehnen.

 

Zu den „Fundamentalisten gehört u.a. der konservative Teil der Brüderbewegung, die sogenannten „Freien Baptisten“ (die nicht dem Weltbund der Baptisten angehören) und solche Freien Gemeinden und neu entstandenen Gemeinden, die sich keiner Dachorganisation einer Kirche angeschlossen haben, bzw. diese Organisationen als unbiblisch ablehnen.

 

Unter Neo-Evangelikale zählt man solche Freikirchen und Gruppen, die sich der „Evangelischen Allianz“, der „Lausanner Bewegung“ usw. verbunden fühlen und der Zusammenarbeit mit leicht liberalen Theologen, die nicht an die wörtliche Inspiration der Bibel glauben, nicht ablehnend gegenüber stehen. Auch in der Zusammenarbeit mit Charismatikern und solchen Kirchen, die zur Ökumene und dem nationalen Arm der Ökumene gehören, sieht man keine grundsätzlichen Probleme.

 

In diesen Neo-Evangelikalen Kirchen duldet oder toleriert man u.a. folgende Lehren:

-         Allversöhnung

-         Seelenvernichtung

-         Adventistische Sonderlehren

-         Katholische Irrlehren

-         Bibelkritische Auffassungen

-         Die typischen Lehren der Pfingst- und Charismatischen Bewegung

 

Typisch für solche Evangelikale ist ein Pragmatismus, der besonders durch  den Dienst und die Organisationen der drei „Billys“ geprägt worden ist:

 

-         Billy Graham

-         Bill Bright (Campus für Christus)

-         Bill Hybels (Willow Creek)

 

Kurz einige Informationen zu diesen drei Männern und den durch sie ins Leben gerufenen Organisationen:

 

Billy Graham

Billy Graham hatte eine konservative, fundamentalistische Prägung. Seine Eltern hatten Kontakte zu einer Brüderversammlung und der junge Billy besuchte die bekannte Universität von Bob Jones, einem bekannten Fundamentalisten. Billy bekam aber bald Schwierigkeiten mit der konservativen, engen Ausrichtung dieser Bibelschule und wechselte bald unter dem Einfluss eines – wie er schreibt – „Bibellehrers der Brüdergemeinde“ zum  Florida-Bibel-Institut, wo er von dem „ökumenischen und evangelikalem Gedankengut begeistert“ war. Diese Bibelschule verstand sich bewusst nicht als eine fundamentalistische Schule. Dort studierte er in den Jahren 1937-40, anschließend auf dem bekannten Wheaton-College bis 1943. Ausdrücklich betont Graham, dass auch diese konservative Bibelschule sich nicht als „fundamentalistisch“ bezeichnet.

Nach einigen Jahren als Evangelist für „Jugend für Christus“ begann sein Dienst als Evangelist auch in anderen Ländern. Auch in diesen Jahren arbeitete Graham mit Brüdern aus der Brüderbewegung zusammen, wie z.B. mit dem bekannten Bibellehrer H.A. Ironside

1948 erlebte Graham zum ersten Mal, dass der „ökumenische Stadtkirchenrat“ der Stadt Augusta/Georgia seine Evangelisation mitfinanzierte. Während diese Tatsache seinen „ultra-fundamentalistischen“ Freunden Bauchschmerzen bereitete, sah Graham „in dieser Entwicklung große neue Möglichkeiten zur Evangelisation“.

1948 war Graham als Beobachter bei der Gründungssitzung des ÖRK in Amsterdam anwesend, wo das Christentum  für ihn „eine neue, weltweite Dimension“ bekam. Er war dort „besorgt über manche extrem liberale Theologen“, aber andererseits beeindruckte ihn dort die „geistliche Tiefe und Frömmigkeit vieler Teilnehmer“ und er erkannte die „Vorteile, wenn alle Gemeinden sich mit vereinten Kräften um die Verkündigung des Evangeliums bemühten.“

Die entscheidende Weichenstellung im Dienst von Billy Graham wurde 1957 vor dem „New York-Feldzug“  vollzogen. Er selbst schreibt über diese Zeit, dass er damals „den Widerstand einiger bekannter Fundamentalisten“ schmerzlich gespürt habe, die ihn  bis dahin stark unterstützt hatten, aber jetzt Einwände „gegen meine zunehmend ökumenische Haltung erhoben.“

Nach einer Zeit des Bibelstudiums und Gebets ist er dann zu der folgenschweren Überzeugung gekommen: „Ich vertrat den Standpunkt, dass wir mit jedem zusammenarbeiten sollten, der mit uns zusammenarbeiten wollte.“

Von dieser Zeit an hat Billy Graham auch offiziell mit Katholiken, Adventisten, Pfingstlern, Charismatikern, liberalen Theologen usw. zusammengearbeitet, um auf diese Weise viele Menschen erreichen zu können.

Bekannte Fundamentalisten wie Bob Jones, Jack Wyrzen, Martin Lloyd Jones  und andere haben versucht, Billy Graham zu warnen, aber vergeblich.

In den folgenden Jahren suchte Graham besonders den Kontakt zum Vatikan. 1978 wurde er zum ersten Mal vom Papst im Vatikan zu einer Audienz empfangen. Inzwischen hat sich diese Beziehung so vertieft, dass Graham den Papst als „den großen moralischen Führer unserer Zeit“ bezeichnet, als den „größten Evangelisten des 20. Jahrhunderts“ usw. mit dem er in den wichtigsten Fragen des Glaubens übereinstimme.

 

Mit dieser Haltung zum ÖRK, zur Katholischen Kirche, zu den Pfingst- und Charismatischen Kirchen usw. hat Billy Graham im Lauf der folgenden Jahre durch seinen Einfluss, seine Konferenzen usw. die Evangelikalen stark beeinflusst und zu einem pragmatischen Verhalten  in der Frage der Zusammenarbeit mit anderen Kirchen ermutigt.

 

1974 wurde im Anschluss an die von Graham einberufene Lausanner Konferenz  das „Lausanner Komitee für Weltevangelisation“ gegründet, deren Ehrenvorsitzender Billy Graham wurde.

Die internationalen Evangelisations-Kongresse in Berlin, Lausanne und Amsterdam haben Tausende von Pastoren, Evangelisten und Missionare aus aller Welt und vielen Denominationen zusammengeführt. Hauptredner auf diesen Konferenzen waren u.a. extreme Charismatiker wie Yonggi Cho, Jack Hayford und andere.

 

John Pollock, der bekannte Biograph Grahams, hat das Lebenswerk Grahams mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Er war ein christlicher Staatsmann für die ganze Welt, ein Katalysator, der Einzelpersonen und Bewegungen zusammenbringen und einen Prozeß der Verschmelzung in Gang bringen konnte.“

 

Ohne Zweifel sind weltweit viele Menschen durch die Evangelisationen Grahams zum lebendigen Glauben gekommen. Billy Graham hat auch in der Vergangenheit weithin  ein  klares Evangelium verkündet und ist in seiner persönlichen Lebensführung – was Ehe, Geld usw. betrifft – nicht wie manch andere bekannten Evangelisten in negative Schlagzeilen geraten. Aber das ändert nichts daran, dass Billy Graham hat mit seiner unbiblischen Weichenstellung einen großen Teil der Evangelikalen auf ein Gleis gebracht hat, das den Zug der Evangelikalen in Richtung Rom (Kath. Kirche) und Genf (ÖRK) führt.

 

Die Entwicklung Grahams und die Folgen seines Dienstes machen deutlich, wie wichtig es ist, dass begabte Evangelisten in eine örtliche Gemeinde eingebunden und ihr Dienst von treuen Ältesten und Lehrern der Gemeinde  begleitet und korrigiert werden muss.

 

Bill Bright

Bill Bright ist Gründer und Präsident von „Campus für Christus“, einer Missionsgesellschaft, die in vielen Ländern der Welt missionarisch unter Studenten arbeitet. Bekannt sind seine zahlreichen Bücher und die weitverbreiteten „Vier geistlichen Gesetze“ und andere Kleinschriften, die das Evangelium und ein geistliches Leben im „Schnellverfahren“ vermitteln wollen.

Auch der „Jesus Film“ ist ein Produkt von „Campus für Christus“. Im Jahr 1999 gab es diesen Film in 547 Sprachen und soll angeblich bis zum Jahr 2000 von 2,6 Milliarden Menschen gesehen worden sein, durch den allein in den 90er Jahren 76 Millionen Menschen zum Glauben gekommen sein  sollen.. Dieser Film wird von C.P. Wagner als das „effektivste evangelistische Werkzeug, das es je gegeben hat“ bezeichnet.

1996 erhielt Bill Bright für seine Verdienste den „Templeton-Preis“, die weltweit höchstdotierte Ehrung in Höhe von 1,1 Mill. Dollar. Der Bankier Templeton gilt als Freimaurer und einer der aktivsten Vorbereiter der Welteinheitsreligion. Interessant ist, das Bill Bright die Dankesrede für die Preisverleihung in einer kath. Kirche in Rom vor höchsten Vertretern des Vatikan gehalten hat.

Spätestens seit der „2. Lausanner Konferenz“ in Manila 1989 wurde deutlich, dass Bill Bright nicht nur eng mit der Charismatischen Bewegung zusammenarbeitet, sondern auch aktiv die Lehren und Praktiken der „Geistlichen Kampfführung“ und der „Prophetenbewegung“ vertritt und die Zusammenarbeit mit Katholiken suchte und praktizierte. Er war Mitinitiator und Unterschreiber des Dokumentes „Evangelikale und Katholiken gemeinsam: Die christliche Mission im  3. Jahrtausend“, worin Evangelikale und Katholiken als „Brüder und Schwestern in  Christus“ bezeichnet werden, weil sie alle  „Jesus Christus als Herrn und Retter anerkennen.“ In diesem Dokument, das von vielen prominenten Katholiken und Evangelikalen unterschrieben wurde, entschuldigt man sich für das Abwerben von Kirchenmitgliedern in der Vergangenheit und verpflichtet sich, „keine Proselyten“ zu machen.

Auch wenn dieses Dokument kein offizielles Dokument von Kirchen ist, so hat es doch einen großen Einfluss auf die immer stärker werdende Zusammenarbeit von Evangelikalen und Katholiken.

Weitere Aufgabenbereiche von CfC sind u.a. auch die Konferenzen „Explo“ in der Schweiz, wo Tausende junger Christen geschult werden und unter den Rednern auch verschiedene katholische Theologen sind, wie u.a. Rainiero Cantalamessa, der  Beichtvater des Papstes und Prediger des Vatikan.

1995 hat Bill Bright ein Buch herausgegeben „Die kommende Erweckung“, worin er die „göttlichen Offenbarungen“ beschreibt, die er nach einem 30tägigem Fasten erhalten und  wo der Heilige Geist ihm geoffenbart habe, dass bis zum Jahr 2000 Amerika und weite Teile der Welt eine „große geistliche Erneuerung erleben“ wird, welche die „größte geistliche Ernte der Kirchengeschichte hervorrufen“ werde.

 

Wenn Billy Graham die entscheidende Persönlichkeit war, der als Brückenbauer die Verbindungen der Evangelikalen zur Ökumene und Kath.  Kirche hergestellt hat aber persönlich – soweit mir bekannt ist - die Lehren und Praktiken der Pfingstler und Charismatiker selbst nicht gelehrt und praktiziert hat, ist Bill Bright einen Schritt weitergegangen. Er hat nicht nur die Zusammenarbeit mit Pfingstlern und Katholiken angestrebt und praktiziert, sondern auch deren Sonderlehren und Offenbarungen teilweise übernommen und praktiziert.

Wenn Billy Graham vor allem auf Führungspersonen in der evangelikalen Bewegung großen Einfluß hatte, so hatte Bill Bright durch CfC besonderen Einfluß auf die Studenten und jungen Menschen in evangelikalen Gemeinden und Missionswerken.

Auch hier möchte ich betonen, dass ohne Zweifel durch den Dienst von Bill Bright und CfC viele Menschen - darunter viele Studenten - zum lebendigen Glauben an den Herrn Jesus gekommen und viele von ihnen hingegebene Jünger Jesus sind.

Bei aller Sorge und notwendiger Kritik wollen wir dankbar anerkennen, dass Gott in seiner Gnade den Eifer und die Hingabe dieser Geschwister gesegnet hat, auch wenn der Dienst von Bright und CfC  teilweise zu folgenschweren Entwicklungen bei den Evangelikalen geführt hat.

 

Bill Hybels

Bill Hybels ist Gründer und Leiter der Willow-Creek-Church (Chicago) und des Willow-Creek-Netzwerkes. Er ist ein Vertreter der jüngeren Generation und begann 1975 mit seiner Gemeindearbeit, aus der dann „Willow-Creek“ entstand, eine ständig wachsende, evangelistisch aktive Gemeinde mit heute über 10.000 sonntäglichen Besuchern. Willow Creek wird inzwischen als die einflussreichste Gemeinde Nordamerikas oder vielleicht der ganzen Welt bezeichnet. Ende der 80er Jahre wurde Bill Hybels auch in England und Frankreich, wenige Jahre später in Deutschland und anderen europäischen Ländern bekannt.

Seit über 10 Jahren führt Bill Hybels in aller Welt Konferenzen durch, die z.B. in Deutschland oft von 3.000 – 8.000 Pastoren, Gemeindearbeitern und Evangelisten verschiedenster Denominationen besucht werden und denen Hybels sein Konzept für Gemeindewachstum „Kirche für Distanzierte“ vorgestellt hat.    

Hybels versteht sich und seine Gemeinde nicht als charismatisch sondern als evangelikal. In seinen Vorträgen und in den Willow-Creek-Veranstaltungen werden auch keine charismatischen Inhalte oder Praktiken vermittelt. Allerdings arbeitet Hybels mit Männern aller Denominationen zusammen und hat des öfteren auch bekannte Charismatiker als Gastredner in seiner Gemeinde.

Bill Hybels ist stark von den Ideen und der Psychologie Robert Schullers geprägt worden, dessen Seminare er besucht hat und zu dessen Seminare er auch seine Mitarbeiter schickt.

Robert Schuller ist der zur Zeit bekannteste Fernsehprediger, dessen „Gottesdienste“ „Our of Pouwer“ in viele Länder ausgestrahlt werden.

Schuller ist ein Prediger des „Positiven Denkens“ , der wiederum von Norman Vinzent Peale gelernt hat und ein Erfolgs- und Wohlstandsevangelium psychologisch-humanistischer Prägung verkündet, in dem es nicht um Sündenvergebung und Selbstverleugnung, sondern um Selbstannahme, Selbstliebe und Selbstverwirklichung geht. Für ihn gibt es keine Erbsünde und auch keine ewige Verdammnis. Schullers Erfolgsrezept besteht darin, dass man nach Marketing-Methoden Bedürfnisse der Menschen erforscht und dann auf ihre Bedürfnisse reagiert und ihnen das bietet, was sie gerne hören und erleben möchten.

Auch wenn sich Hybels in einigen Punkten – was das Evangelium betrifft – inzwischen stark von Schuller unterscheidet, so hat Bill Hybels die Methoden Schullers übernommen und praktiziert, so dass Schuller selbst geäußert hat, Hybels sei sein bester Schüler, der seine Prinzipien übernommen und verbessert hat. Wörtlich: „Ich bin stolz auf ihn...ich betrachte ihn als meinen Sohn...ich halte ihn  für eines der größten Dinge, die der Christenheit widerfahren sind.“

In Willow-Creek gibt es eine völlige Gleichstellung von Männer und Frauen, so dass Frauen nicht nur predigen, sondern auch als Älteste Führungsaufgaben übernehmen. In den „Gottesdiensten“ wird Tanz, Theater und Musik jeder Art eingesetzt, es gibt so gut wie keine Kirchenzucht, Scheidung wird erlaubt und manchmal sogar empfohlen.

Hybels hat von sich selbst gesagt:; „Ich bin Pragmatiker und messe alles daran, ob es funktioniert, oder nicht.“

Mit Willow Creek ist ein starker Pragmatismus in viele evangelikale Gemeinden eingedrungen, der nicht zuerst nach Gottes Gedanken und Wort fragt, sondern dazu neigt, alles nach dem Erfolg zu beurteilen.

Hybels sympathisches und glaubwürdiges Auftreten, seine Ausstrahlung, sein Eifer Menschen zu evangelisieren, seine Methoden Mitarbeiter zu schulen und sein Erfolg haben ihn zu einen Hoffnungsträger für Erweckung und Gemeindewachstum gemacht. Inzwischen ist er eine Integrationsfigur für Charismatiker, Evangelikale, Fundamentalisten und Liberale geworden und hat durch seine Bücher und Konferenzen deutlichen Einfluss auch auf die Brüderbewegung in USA und Europa genommen.

 

„Wir müssen uns dem Zeitgeist anpassen, um die jetzige Generation mit dem Evangeliums zu erreichen“ ist z.B. das Erfolgrezept der am schnellsten wachsenden Gemeinde in der Schweiz (ICF-Zürich), die von Willow-Creek gelernt hat  und in der junge Geschwister, die aus der Brüderbewegung kommen, führend mitarbeiten.

 

Die praktischen Auswirkungen der Neo-Evangelikalen Bewegung

Die praktische  Auswirkungen der Neo-evangelikalen Bewegung zeigen sich u.a. in folgenden Veränderungen, die in vielen Gemeinden zum mindesten im Ansatz sichtbar werden:

 

-         Öffnung zur Pfingst- und Charismatischen Bewegung

-         Veränderte Haltung zur Kath. Kirche

-         Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Pfingstlern, Katholiken usw.

-         Veränderte Haltung zur Ökumene

-         Eine leicht aufgeweichte Haltung zur Autorität und wörtlichen Inspiration der Bibel

-         Eine Tendenz zur Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen des Gemeindelebens. „Nicht das Geschlecht sondern die Begabung entscheidet!“

-         Vernachlässigung biblischer Lehre und biblischer Absonderung

-         Menschliche Bedürfnisse treten immer mehr in den Vordergrund

-         Tendenz zu mehr Unterhaltung statt Unterweisung

-         Es wird immer mehr das Gefühl und immer weniger das Gewissen angesprochen.

 

In vielen Ländern kann man das Bestreben nach einer intensive Zusammenarbeit und Vernetzung folgender Werke erkennen:

-         Evangelische Allianz

-         Lausanner Bewegung

-         Willow Creek

-         Alpha-Kurs

 

Es wird immer deutlicher von der Notwendigkeit einer “großen Koalition für Evangelisation” gesprochen, von „Einheit in der Verschiedenheit“ und auch die letzte große „ProChrist“ Evangelisation im März 2003, die von Essen ausgehend in viele europäische Städte übertragen wurde, war von dieser Motivation geprägt, von der auch zahlreiche Brüderversammlung angesteckt wurden.

Wachsamkeit und ein geistliches Beurteilungs- und Unterscheidungsvermögen ist daher heute von großer Wichtigkeit, um die Gemeinden einerseits vor Erstarrung und andererseits vor Pragmatismus zu bewahren.

 

 

Die intelligenten (oder: aufmerksamen) und informierten Wachposten

Das Thema „Wachsamkeit“ spielt im AT und im NT eine große und wichtige Rolle. Wir denken  im AT an die Türwächter der Stiftshütte und des Tempels, an die Wächter an den Stadttoren und auf den Stadtmauern und erinnern uns daran, dass die Propheten oft auch als „Wächter“ bezeichnet wurden, weil sie vor kommenden Gefahren zu warnen hatten.

Die ernsten Worte, die Gott zu Hesekiel  gesprochen hat , haben uns sicher schon oft erschüttert: „Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israels zum Wächter gesetzt: du sollst das Wort aus meinem Mund hören und sie von meinetwegen warnen...“(Hes. 33,7

Im NT denken wir an die vielen Aufforderungen des Herrn zur Wachsamkeit in seinen Endzeitreden und an die ernsten Ermahnungen der Apostel, wenn sie im Hinblick auf drohende Gefahren zur Wachsamkeit und Nüchternheit aufrufen.

Aus den vielen Stellen möchte ich je eine aus dem AT und dem NT herausgreifen:

 

Nehemia 7, 1-3

Mark. 13, 33-37

 

Die Bücher Esra und Nehemia bieten uns sehr praktischen Anschauungsunterricht für die Gefahren unserer Zeit, für die geistliche Auseinandersetzung mit diesen Gefahren und die Notwendigkeit der Wachsamkeit.

Nachdem uns im Buch Esra der Wiederaufbau des Altars und des Tempels in Jerusalem nach der babylonischen Gefangenschaft geschildert wird, zeigt uns das Buch Nehemia, wie Gott Wert darauf legt, dass der Tempel und die Stadt Jerusalem durch eine Mauer vor Feinden von Außen geschützt werden soll.

In beiden Büchern wird geschildert, wie die Feinde Jerusalems verschiedene Strategien entwickeln, um die Arbeit der Israeliten zu stören und zu verhindern:

-         Spott

-         Verleumdung

-         Angebot der Zusammenarbeit

-         Drohung

-         Ablenkung

-         Offene Feindschaft

-         Vermischung

Die Führer des Volkes Gottes widerstanden damals allen Versuchungen und Drohungen, verweigerten jede Zusammenarbeit mit den Feinden und folgten den deutlichen Vorschriften Gottes.

Nehemia hatte die große Aufgabe bekommen, die zerstörte Stadtmauer Jerusalems wieder aufzubauen und wir finden in diesem Buch einige Details, die für unser Thema eine wichtige und hilfreiche Illustration sind.

Es geht um

 

Die Mauer

Eine Stadtmauer hatte in alten Zeiten die Aufgabe Schutz vor Angriffen der Feinde zu bieten und gleichzeitig eine Einheit deren zu bilden, die innerhalb der Stadtmauer wohnten.

Die Mauern  (oder auch Zäune) in der Bibel  hatten die gleiche Aufgabe zu erfüllen (vgl. die Umzäunung der Stiftshütte).

Eine Mauer bildet eine unübersehbare Grenze und macht deutlich, dass es ein Drinnen und ein Draußen gibt. Damit ist also die Mauer eine Illustration für ein neutestamentliches Thema, dass in der frühen Brüderbewegung eine wichtige Rolle gespielt hat: Absonderung oder Heiligung.

Gott möchte das wir das, was ihm wichtig und wertvoll ist, vor Angriffen von Außen schützen.

Für uns heute bestehen „Mauern“ aus einer biblischen Dogmatik und Apologetik, aus einem  eindeutigen Bekenntnis zur Autorität der Bibel und zur Herrschaft Jesu in unserem persönlichen Leben und in unserem Gemeindeleben.

 

Abschließbare Tore

Wie beim Bau der Stiftshütte legt Gott aber auch Wert darauf, dass es einen Zugang  zur Stadt gibt: Es sollten 12 Tore eingebaut werden.

Tore sind die Kontaktstellen zur Außenwelt. Bei aller Betonung der Absonderung legt Gott grossen Wert darauf,  dass der Kontakt zur Außenwelt möglich ist und dass Menschen in die Stadt kommen können.

Die Tore reden neutestamentlich von unserem Auftrag, in alle Welt hinauszugehen, um das Evangelium zu verkündigen und Menschen aus der Welt für den Herrn und seine Gemeinde zu gewinnen.

Absonderung oder Heiligung bedeutet also nicht nur Trennung oder Isolation, sondern gleichzeitig auch Licht und Salz in einer gottlosen Welt zu sein.

Aber diese Tore sollten abschließbar und bewacht sein. Hier wird deutlich, dass die Kontaktstellen zur Außenwelt wichtig aber auch gefährlich sind. Eine Mauer ohne abschließbare Tore würde keinen Schutz bieten und wäre zwecklos.

 

Wachposten

Während die Tore geöffnet sind, sollten sie von Wächtern bewacht sein, die ein geübtes Auge dafür haben, ob mögliches Gefahrengut nach Jerusalem eindringt, oder ob Wertgegenstände aus Jerusalem hinausgeschmuggelt werden.

Auch dieses Bild ist uns in der Gegenwart bekannt: Die Zugangsstellen eines Staates werden streng überwacht. Die Personalien werden überprüft, manchmal muss ein Visum gezeigt werden und das Gepäck wird durchleuchtet. Man hat Angst vor Terroristen , vor Obst und Gemüse, dass bakteriell verseucht ist, vor Krankheiten, die eingeführt werden könnten.  

Umgekehrt achtete man darauf, dass keine Kulturgüter in das Ausland verschwinden. Wächter müssen daher aufmerksam, geschult und erfahren sein.

 

Öffnungszeiten

Nehemia 7 zeigt uns, dass die Tore  nur zu bestimmten Tageszeiten geöffnet werden durften. Nur wenn die Sonne am Himmel zu sehen ist, durften die Tore geöffnet sein, in der Dämmerung und Nacht sollten die Tore geschlossen bleiben. Die Absicht ist klar: Im Halbdunkel kann man leicht getäuscht werden, daher sollten alle Kontrollen nur bei Tageslicht durchgeführt werden.

Die Anwendung für uns ist leicht: Nur im hellen Licht des Wortes Gottes und unter der Leitung des Heiligen Geistes soll der Aufseherdienst oder Wächterdienst getan werden. Nicht Traditionen oder Vorschriften von Menschen sollen Prüfungskriterien sein, sondern das Wort Gottes.

 

Zwei Gefahren

In der Kirchengeschichte hat es zu allen Zeiten zwei Gefahren gegeben:

 

1. Eine unbiblische Ansonderung

 

Um das Bild der Mauer zu gebrauchen: Man baut hohe Mauern ohne Tore. Man möchte die Gemeinde vor unguten Einflüssen von Außen bewahren und achtet darauf, dass man völlig getrennt und isoliert wie in einem Ghetto lebt.

Auf diese Weise kann man sich allen Einflüssen von Außen entziehen, aber die Gefahr ist groß, dass man steril, traditionell und hochmütig wird und die Isolation von der Umwelt oft zu Bruderkrieg innerhalb der Mauern führt. Solche Gemeinden erleben dann oft unnötige Trennungen oder sterben aus, weil durch die fehlenden evangelistischen Kontakte keine Menschen zur Gemeinde hinzugefügt werden, die das Gemeindeleben mit frischem Blut beleben und vor Traditionalismus bewahren.

Versammlungen, welche nur noch die reine Lehre und Absonderung predigen, sterben aus, weil sie dem Auftrag des Herrn nicht folgen, Licht und Salz in dieser Welt zu sein.

 

2. Eine unbiblische Offenheit

 

Heute besteht jedoch die größere Gefahr darin, dass viele Gemeinden sich nicht mehr durch eine klare Lehre und biblisches Verhalten von der Welt absondern, sondern dass alle Lehren und theologische Überzeugungen als trennend empfunden werden und man die Mauern abreißt und sich nach allen Seiten hin öffnet.

Natürlich gewinnt man dann die Anerkennung der Gesellschaft, auch die der religiösen Welt, aber man  verliert bei aller Akzeptanz die Identität,  die geistliche Kraft und Autorität.

A.W. Tozer hat einmal sehr treffend geschrieben: „Toleranz wird ganz schnell zur Feigheit, wenn es um geistliche Dinge geht...Wir benötigen gerade heute einen freundlichen Dogmatismus, der lächelt, während er fest und unbeugsam auf dem lebendigen und ewig bleibenden Wort Gottes besteht.“

 

Wie sollte daher ein geistlicher Hirten- oder Wächterdienst aussehen?

 

Die Hirten oder Aufseher der Gemeinde sollten ein großes Interesse dafür haben, wie das geistliche Leben der einzelnen Geschwister aussieht und welches Gedankengut sie in sich aufnehmen,

-         durch Medien wie Fernsehen, Videos, Bücher, Zeitschriften,

-         durch Kontakte, Besuche von Veranstaltungen fraglicher Organisationen und Gemeinden,

-         durch Freizeitbeschäftigung, Hobbys usw.

Dabei geht es nicht um eine gesetzliche, lieblose Überwachung, sondern um seelsorgerliche und ermutigende Begleitung, Hilfestellung und Korrektur.

Es sollten nicht traditionelle Auffassungen und Gewohnheiten, sondern allein Gottes Wort der Maßstab sein, an dem alles geprüft wird.

 

Es muss aber auch positiv und auferbauend an den Geschwistern gearbeitet werden, damit sie selbst in der Lehre der Bibel fest gegründet und in der Lage sind innerhalb der orientierungslosen Christenheit eine biblische Absonderung und geistliche Offenheit zu praktizieren.

Paulus ist in diesem Aufseher- und Wächterdienst ein gutes Vorbild:

 

„Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde...aus euer Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen, hinter sich her. Darum wacht und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört  habe, einen jeden unter Tränen zu ermahnen. Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade...“ (Ap. 20, 28-32

Für diesen Wächterdienst an den Toren der Mauer ist vor allem eine gute Kenntnis der Bibel Vorraussetzung. Man kann nicht alle Strömungen und Irrlehren in der Welt und in der Christenheit kennen. Aber je besser wir die Bibel und das Vorbild unseres Herrn vor Augen und im Herzen haben, werden wir Mietlinge von guten Hirten, Steine von  Brot, Täuschung von Echtheit, Lüge von Wahrheit unterscheine können.

Natürlich ist es auch gut und nützlich, zusätzlich gut informiert zu sein über das, was in der Welt und in der Christenheit als neue Erkenntnisse oder Trends verbreitet wird und die irgendwann auch unsere Versammlungen beeinflussen werden. Dazu können Informationsschriften und auch Zeitschriften aus den jeweiligen Lagern eine Hilfe sein, wenn man Zeit und Geld hat, diese zu abonnieren und zu lesen.

Wir können uns aber auch gegenseitig dienen und informieren, denn nicht jeder von uns kann selbst alles untersuchen. Oft helfen hier auch Nachschlagewerke, Sachbücher oder aktuelle Aufklärungsschriften von Brüdern, die unser Vertrauen haben.

 

Dieser Aufseherdienst muss in Demut, mit viel Liebe und Geduld geschehen. Man muss mit Wiederstand und Ablehnung rechnen. Wahrscheinlich werden sich manche Geschwister nicht warnen lassen und dann entsteht die Frage, ob wir solche Geschwister eine Zeit lang tragen müssen, weil sie schwach sind, oder ob über eine Form der Gemeindezucht nachgedacht werden muss.

Oft sind es unreife, aber eifrige, sich nach Erweckung suchende Geschwister, die von dem scheinbar „geistlichen“ Leben und der Attraktivität fraglicher Persönlichkeiten, Gemeinden und Aktionen angezogen werden und von der Gleichgültigkeit, Trägheit  und dem Formalismus  unserer Versammlungen abgestoßen werden.

Deshalb ist es von größter Wichtigkeit, dass wir den Herrn bitten, dass er in unserem persönlichen Leben und im Gemeindeleben ein Erweckung schenkt und der Geist Gottes Liebe zum Wort Gottes und  Hingabe an den Herrn Jesus bewirkt zur Verherrlichung Gottes und zum Segen unserer Mitgeschwister und Mitmenschen.